Lieber Lehrer,

ich war wirklich kein braves Kind in der Schule, das weiß ich noch. Ich kann mich noch an ein paar Dinge erinnern, über die sich meine Lehrer sicher nicht besonders gefreut haben und eine Abmahnung (ode einen Verweis?) aus der 11. Klasse habe ich noch in meiner Erinnerungsmappe: “… war im Unterricht frech und hat gestört…” Aber die meisten Dinge blieben dann doch zwischen uns – also zwischen mir und den Lehrern. Die Eltern wurden nur informiert, wenn es wirklich nicht mehr anders ging. Heute ist das irgendwie anders.

Wenn ich darüber nachdenke, worüber ich in den vergangenen 1,5 Jahren (Ende 6., 7. und Anfang 8. Klasse) von Ihnen und Ihren Kollegen schon informiert wurde, dann frage ich mich echt, wann Sie noch Zeit finden, sich auf Ihren Unterricht vorzubereiten. Irgendwie müssen Sie ja nur damit beschäftigt sein, Mails an Eltern zu schreiben. Hier ein paar Highlights:

  • Das Kind hat (in Kunst) zu klein gezeichnet und nicht das ganze Blatt verwendet, obwohl ich es mehrfach dazu aufgefordert habe
  • Das Kind hat im Unterricht gegessen und zurückgequatscht, als ich es darauf angesprochen habe, statt sich zu entschuldigen
  • Das Kind hat sich eine Rolle Klebeband auf den Kopf gelegt und gesagt, es könne sich so besser konzentrieren. Als ich ihm gesagt habe, es soll das lassen, hat es nicht aufgehört damit und andere haben begonnen, das nachzumachen – er war ein schlechter Einfluss auf die anderen.
  • Das Kind hat im Unterricht respektlos über eine andere Lehrerin gesprochen (der Rest der Klasse hat dann eingestimmt und die Situation ist außer Kontrolle geraten).
  • Das Kind lief mir in der Cafeterie hinterher – nicht zufällig, sondern absichtlich.

Lieber Lehrer, mir ist klar, dass das alles Dinge sind, die nerven und die definitiv nicht okay sind. Aber müssen deswegen wirklich die Eltern eingreifen? Ist die pädagogische Ausbildung heutzutage wirklich so unkreativ, dass Lehrer von heute keine Idee mehr haben, wie sie mit solchen Störungen umgehen sollen? Wir sprechen hier ja nicht von einem Kind, das in allen Fächern laufend auffällt, das diagnostiziert “verhaltenskreativ” wäre und andere verprügeln, alternativ bedrohen würde oder ständig beim Direktor landen würde, sondern von einem Kind, das gemeinhin als gut erzogen gilt, das aber gelegentlich seine Grenzen austestet.

Wir Eltern haben Sie, lieber Lehrer, beim Elternsprechtag schon des öfteren gebeten, Konsequenzen zu setzen und haben auch Vorschläge gemacht. Wir haben zum Beispiel kein Problem mit Extraarbeit für unser Kind – wenn es noch freie Kapazitäten hat, um so viel Blödsinn zu machen, kann es auch was Sinnvolles damit anstellen. Und falls es (umgekehrt) mit seiner Arbeit aufgrund der Blödeleien in der Schule nicht fertig wird, muss es notfalls auch mal länger bei Ihnen bleiben, seine Freizeit opfern und eben den späteren Bus nach Hause nehmen.

Aber was sollen denn wir Eltern erreichen? Denken Sie wirklich, es bringt mehr, wenn wir dem Kind zum tausendsten Mal sagen, es muss sich in der Schule benehmen und Lehrern gegenüber rücksichtsvoll verhalten? Oder würde es vielleicht doch mehr Wirkung zeigen, der Klasse ein Diktat zu verpassen, wenn sie keine Lust zeigt, sich zu benehmen, oder mein Kind zu bitten, doch mal bis zur nächsten Stunde einen Text über Respekt gegenüber Lehrern zu schreiben?

Lieber Lehrer, zeigen Sie doch etwas mehr Rückgrat und übernehmen Sie etwas mehr Verantwortung. Es genügt nicht, den Eltern in einem E-Mail zu schreiben:

Schlieβlich haben Lehrer auch, aus gutem Grund, den Auftrag der Erziehung und Förderung von Sozialkompetenz.

Es wäre wirklich an der Zeit, dass Sie zeigen, dass Sie selber auch über eine solche verfügen. Beweisen Sie uns, dass Sie das können, was Sie in Ihrem Mail an mich behaupten:

Wir Pädagogen können mit dergleichem Verhalten sicher noch am ehesten umgehen.

Denn bisher haben Sie das nicht gerade unter Beweis gestellt. In diesem Sinne: Auf ein spannendes Schuljahr.

Ihre verbesserlich

Oje, heute habe ich in einem Artikel gelesen:

Der Psychiater Jay Giedd vom National Institute of Mental Health bei Washington sagte dem Focus: „Der Teil des Gehirns, der plant, vorausschauend handelt, abwägt und die Impulse kontrolliert, tritt seine Managementfunktion im Gehirn deutlich später an, als bisher angenommen.“

Bisher ging man wohl davon aus, dass um den 18. Geburtstag herum das Gehirn erwachsen ist, heute weiß man, dass noch länger spontan gehandelt und sehr emotional reagiert wird sowie die Konsequenzen von Aktionen oft nicht abgesehen werden. Einziger Hoffnungsschimmer: Giedd zufolge sei es

„entscheidend, ob ein Jugendlicher Sport treibt, ein Instrument spielt, sich mit akademische Aufgaben beschäftigt oder völlig untätig ist, nur passiv zu Hause herumsitzt“.

Der Grund: Viel benutzte Nervenverbindungen bleiben bekanntlich bestehen, während andere absterben.

Nachdem mein Großer richtig viel Musik macht und sich gut mit der Schule beschäftigt, viel liest und seine Hobbies viel mit dem Kopf zu tun haben – vielleicht besteht ja doch Hoffnung, dass wir da nicht erst mit 25 oder 30 raus kommen. Wobei – eigentlich kann es mir ja egal sein. Mit 18 zieht er aus, geht an die Uni. Irgendwo, far, far away. So ist zumindest der Plan.