“Wissen Sie eigentlich, welchen Druck Sie auf mich ausüben?” – Diesen Satz hat gestern mein großer Sohn, 13 1/2, seiner Direktorin entgegen geschleudert. Mitten im Unterricht, mitten in der Klasse. Er war gerade zum wiederholten Male in den Raum hinein gegangen, nachdem er ihn schon mehrmals völlig entnervt verlassen hatte, um eine Runde auf dem Campus zu drehen und Dampf abzulassen, da er die Abläufe der Stunde einfach nicht ertragen hatte: Die Direktorin war anwesend, weil eine Lösung gesucht wurde. Eine Lösung, wie der Deutschlehrer und seine Klasse wenigstens in den letzten Wochen des Schuljahres einigermaßen miteinander klar kommen könnten. Dem waren viele Wochen des Kampfes – sozusagen eines Klassenkampfes – vorangegangen, an dem mein Sohn nicht unbeteiligt war. Er ist ein Gerechtigkeitsfanatiker und außerdem ein Kind, das sofort merkt, wenn ihm jemand unterlegen ist – hier setzt dann der Gerechtigkeitssinn allerdings gerne aus. In den vorigen Wochen ist die Situation – wieder einmal eskaliert, der Lehrer hat unter anderem meinen Sohn angeschrien und persönlich angegriffen, er hat die Schüler zornig aufgefordert: “Wenn es euch nicht passt, könnt ihr ja die Direktorin holen” – was diese dann auch gemacht haben – und einige Schüler haben wohl bald mehr Zeit vor als im Klassenraum verbracht. Die Situation ist, um es mal freundlich zu formulieren, also ein wenig angespannt.

Also nahm sich die Direktorin der Sache an und forderte die Schüler auf, aufzuschreiben, was sie selber, die Klasse und der Lehrer zur Verbesserung der Situation beitragen könnten. Jeder durfte seine Punkte vorlesen – aufgeteilt auf zwei Stunden mit 1,5 Wochen Abstand -, dann wurde abgestimmt und die Top Vier wurden zu den Zielen. Der Vorschlag meines Sohnes: “Der Lehrer soll uns nicht persönlich angreifen/beleidigen” bekam leider nur vier Stimmen und hat damit nicht auf die ToDo-Liste des Lehrers geschafft. Die Absurdität, dass über so ein Anliegen überhaupt abgestimmt wird, ist der Direktorin nicht aufgefallen. In die Top-4-Liste geschafft hat es aber die Aufgabe, dass der Lehrer künftig die Hausaufgaben in das Schulintranet eintragen muss – aber nur, wenn die Schüler ihre Aufgaben erfüllen. Dazu ist anzumerken, dass das ordentliche Nutzen des Schulintranets (inklusive Eintragen der Assessments) eigentlich zu den Pflichten jedes Lehrers an unserer Schule gehört. Nun muss der Lehrer eine Aufgabe erfüllen, wenn die Schüler gemeinsam vier und jeder zusätzlich noch seine vier persönlichen Ziele erfüllt. Ein fairer Deal, oder?

Mein Sohn sah das anders, stürmte (wieder einmal) aus der Klasse, lief um den Schulcampus, kam zurück, und schleuderte der Direktorin entgegen: “Und wenn wir schon so nicht problem-, sondern lösungsorientiert reden, dann möchte ich jetzt sofort meinen Lab Report, meine Presentation und meinen Science Test benotet zurück haben.” (Punkte, die offen sind und in die die Direktorin involviert ist). Die Direktorin versuchte es mit dem obligatorischen: “Das gehört jetzt aber nicht hierher…”, und dann folgte der obige Satz meines Sohnes: “WISSEN SIE EIGENTLICH, WAS FÜR EINEN DRUCK SIE AUF MICH AUSÜBEN?”

Ergebnis der ganzen Angelegenheit: Am Freitag muss er zum persönlichen Gespräch zu ihr. Statt zur Deutschstunde. Sozusagen Pech oder Cholera. Man darf sich aussuchen, was Pech und was Cholera ist…

Heute wieder einmal im Uni-Meeting der Elternvereinigung unserer Schule bestätigt bekommen: Amerikanische und britische Unis erwarten, dass ihre Bewerber spätestens ab der 9. Klassen in den Sommerferien etwas “Sinnvolles” machen. Das können Sommerkurse sein, Praktika, Ferialjobs, Soziale Engagements – was auch immer, die Hauptsache ist, die Schüler werden aus ihrer “akademischen Bequemlichkeit” gerissen und zeigen, dass sie nicht den ganzen Sommer daddlend vor dem Computer verbringen.

Wieder ein Grund, wieso es (heutzutage) einfach zu spät ist, sich erst in der 11. oder 12. Klasse mit der Wahl der Uni zu berschäftigen.

Außerdem wurden Checklisten für das “Uni-Shopping” 😉 verteilt. Also für die Uni-Besichtigungstour in den USA oder UK. Da besucht man ja meistens in sehr kurzer Zeit sehr viele Universitäten, üblicherweise nach der 9. oder 10. Klasse, während man sich erst zu Beginn der 12. Klasse bewirbt – und damit man dann noch eine Ahnung hat, was einem an der jeweiligen Uni gut oder weniger gut gefallen hat, kann man eben solche Listen nutzen. Nicht dass es dem eigenen Kind so geht wie der Tochter einer Bekannten einer Mutter, die gestern auf dem Meeting war: Die wurde an ihrer Wunschuni angenommen – und hatte dann, als sie das Studium begonnen hat, festgestellt, dass sie in der Erinnerung die Unis verwechselt hatte und ihre eigentliche Wunschuni 15 Kilometer weiter entfernt lag. Eine bittere Erkenntnis.

Heute war Elternsprechtag in unserer Schule. Die Problemlehrer haben wir gleich einmal ausgelassen, die machen keinen Spaß (kleiner Scherz), aber bei der Kunstlehrerin, die unseren Sohn seit Mitte oder Ende Januar unterricht (davor hatte er Musik, das wechselt derzeit halbjährlich), haben wir uns vorgestellt. Ich muss gestehen, selten bin ich mit so einem langen Gesicht von einem Eltern-Lehrer-Gespräch aufgestanden.

Das aktuelle Thema war: “Was kann ich aus den Textilien, die eine Kultur produziert, über diese Kultur lernen?” Dazu mussten erst einmal Muster aus dem Internet gesucht und ausgedruckt werden (das waren zu wenige und sie waren nicht repräsentativ genug). Die Zeichnung, die er gemacht hat, wird sie vermutlich mit 3 aus 8 Punkten benoten, weil sie nicht fertig genug und nicht akkurat genug ist (er sagt, er ist kein guter Zeichner. Mein Eindruck ist, er war sehr verkrampft, die Zeichnung ist bemüht, aber kindlich). Der Druck bekommt wahrscheinlich 5-6 aus 8 Punkten, weil er beim Drucken der zweiten Farbe etwas verrutscht ist und überhaupt besser sein könnte. Und das Essay – naja, das bekommt auch 3 aus 8, denn die Aufgabe war, 5 Muster und 5 Farben mit Bezug auf die Literatur und Quellen zu besprechen und er hat nur das Edelweiß (das er als Muster selber verwendet hat) und eine Farbe besprochen und damit die Aufgabe nicht erfüllt.

Ehrlich – danach habe ich meinem Sohn empfohlen, selbst dann Musik zu wählen, wenn er nicht vom Unterricht befreit wird. So kann man einem Kind echt jede Freude an Kunst nehmen.