Mein Achtklässler muss sich nächstes Jahr entscheiden. Gleich drei Mal. Er muss sich entscheiden, ob er Musik oder Kunst wählt, ob er Spanisch oder Schauspiel nimmt und ob er sich für Mandarin oder IT/Werken entscheidet.

Ziemlich klar war von Anfang an, dass er Mandarin nehmen wird. Werken liegt ihm nicht, das mag er nicht besonders, und Sprachen fallen ihm leicht. Ob er jetzt die nötige Sorgfalt aufbringt, um die chinesischen Schriftzeichen ordentlich zu malen, werden wir noch sehen, aber vielleicht bringt das ja was 😉 Die Entscheidung zwischen Musik und Kunst ist etwas komplizierter, weil da noch ein Antrag mit hineinspielt, den wir an der Schule gestellt haben – nämlich, dass er vom Musikunterricht befreit wird, damit er sich in den entstandenen freien Stunden besser auf sein umfangreiches musikalisches externes musikalisches Prüfungs- und Wettbewerbsprogramm 2017 vorbereiten kann. Wenn der bewilligt wird, entscheidet er sich jedenfalls für Musik, sonst ist es noch offen. Interessant fand ich das dritte Thema. Da er bereits Mandarin wählt, war ich davon überzeugt, er würde Spanisch, das er jetzt das dritte Jahr in der Schule lernt, abwählen, und lieber noch zwei Jahre Drama machen. Nein – mein Achtklässler hat mir mit fester Stimme erklärt: “Natürlich Spanisch! Das bringt mir doch mehr für die Uni-Bewerbung!”

Die Schule will uns sprechen. Die Sciencelehrerin hat ihre Chefin, die Direktorin der Middle School eingeschaltet und die hat jetzt ihre Sekretärin (sie hat nicht einmal selber angerufen!) damit beauftragt, mich (oder uns) zu einem Gespräch in  die Schule zu zitieren. Die arme Sekretärin hatte tatsächlich den Auftrag, uns nicht ohne Termin auflegen zu lassen, hat sie uns gestanden. Mit dabei ist außerdem der Schuldirektor, also der Chef der Middle-School-Direktorin. Und es muss ihnen sehr wichtig sein, denn andere Termine wurden wohl abgesagt, damit wir am nächsten Dienstag in der Früh was zu hören bekommen können.

Jetzt heißt es am Wochenende, die Unterlagen für unsere geplante Aktion wegen Science fertig zu machen.

Es ist kaum zu glauben, aber die Science-Lehrerin hat tatsächlich den Lab Report für das “Fehlende Wachstum” schlecht benotet. Das große Kind auf den allgemeinen Teil 4/8 Punkten bekommen und auf den Datenteil 2/8, weil die Lehrerin die meisten Kapitel schlicht und erfreifend nicht akzeptiert hat.

Hier sind die Bewertungsbögen, fangen wir mit dem B-Teil an, denn selbst dieser ist von der Benotung her eine Frechheit, wenn man sich das mal genauer anschaut, wofür es Punkteabzüge gibt (es gibt zwei verschiedene Rubriks, die aber im Prinzip das gleiche wiedergeben sollten):

MiBi_LabReport_CriterionB_noname MiBi_LabReport_CriterionB_1_noname

Hier gibt es nur 5-6 statt 7-8 Punkte, weil bei “Problem/Question” nicht beschrieben wird, wie kochendes/heißes Wasser Mikroben beeinflusst. Das stimmt, dass es fehlt, aber die Erklärung findet sich unter dem Punkt “Hypothese”, wo sie nämlich lt. der Checkliste der Lehrerin auch verlangt wird (und im Beispiel-Lab-Report kommt Theorie gleich gar nirgends im Allgemeinen Teil vor).

Gleich viel Punkteabzug gibt es für “Explanation: cite or describe how you know” bei der Hypothese, der Lehrerin fehlen also die Zitierungen – die aber eindeutig vorhanden sind, in Form von hochgestellten Zahlen.

Bei “Variables” gibt es gleich noch mehr Punkteabzug, nmlich die Hälfte (nur 3-4 Punkte) mit dem Kommentar “IV is incorrect”, weil die Formatierung falsch ist, es fehlt schlicht und ergreifend ein Aufzählungspunkt.

Bei “Materials & Equipment” gibt es nur 5-6 Punkte, weil das Kind ml statt cm3 verwendet. Und das ist jetzt mal wirklich schräg, denn selbst in der hohen Wissenschaft dürfen ml ergänzend zu den sogenannten SI-Einheiten verwendet werden. Mal ganz abgesehen davon, dass bei einem Freund, bei dem der Kommentar auch dabei steht, noch zwei oder drei zusätzliche Fehler dazu kommen – und diese Fehler insgesamt ebenfalls die Auswirkung 5-6 Punkte haben.

Besonders lustig sind die 5-6 Punkte bei der “Methode”, denn der Kommentar dazu ist “na parafilm used”. Das ist eine Art Klebeband, mit dem man die Plastikbehälter verschließt, mit denen man die Versuche macht. Das hat das große Kind tatsächlich vergessen – und die Lehrerin hat das dann draufgetan. Also stimmt der Kommentar schon einmal sachlich nicht, denn er wurde verwendet, wenn auch von mir. Aber ganz abgesehen davon: Die Methode ist ein “Rezept”, nach dem mach vorgehen soll/möchte, sozusagen der Idealfall des Versuchs. Hier haben die Fehler, die man gemacht hat, gar nichts verloren, die werden erst weiter hinten besprochen.

Man hat also wirklich den Eindruck, die Lehrerin hat mit Krampf gesucht, wie sie seine Punkte reduzieren kann.

Und jetzt zur Kategorie C, die die Auswertung der Daten umfasst. Auch hier gibt es wieder zwei Bewertungsbögen, die im Prinzip das gleiche aussagen sollten, das erste Blatt ist der erste, das zweite und dritte ist der zweite:

MiBi_LabReport_CriterionC  MiBi_LabReport_CriterionC_1aMiBi_LabReport_CriterionC_1b

Hier sind wir recht schnell durch, weil die Lehrerin die Kategorien “Data Table”, “Graphs”, “Describe Results”, “Interpret Data” und “Hypothesis Evaluation” gleich mal kollektiv mit dem Vermerk “na data collected” abgetan hat.

Doch halt – was jetzt? No data collected oder Null-result? Das ist doch ein Unterschied, oder?

Wie auch immer. Bei der “Method validity” hat sie sich auf dem einen Bogen zu 3-4 und auf dem anderen zu 5-6 hinreißen lassen, wobei ihre Kommentare “Flaws: – other students samples produced microbes at 45°” und “- You could have altered this” [die 45°] nur mehr als absurd zu bezeuichnen sind.

“Improvement & Extensions” wurde dann – welch Wunder – mit 7-8 Punkten beurteilt.

Nun, das war aber noch nicht alles, vielmehr hatte sich die Lehrerin noch etwas Nettes für das große Kind ausgedacht, und so flatterte uns einen Tag vor Schulanfang in den Weihnachtsferien ein Mail ins Haus:

“Dear Mr & Mrs

Please have L come prepared Wednesday to repeat his experiment. As per my conversation with L before the holidays, a lack of results is not acceptable. Therefore, I would like to provide him with an opportunity to redo his experiment.

He will need to come into the lab during lunch this Wednesday to complete the investigation. I will give him an extra week to submit his revised report; therefore the revised report will be due on Wednesday January 28th.

Sincerely,
Ms A”

Und hier wurden wir jetzt richtig hantig. Das große Kind HAT einen ordentlichen Lab Report abgegeben. Das Ergebnis war nicht optimal, aber es hat ausführlich und sehr gut begründet, wieso das Experiment nicht funktioniert hat. Es hat sowohl Daten gesammelt – auch wenn es damit denkbar wenig Aufwand hatte – als auch ein Ergebnis vorzuweisen, auch wenn ein anderes Ergebnis sicher schöner gewesen wäre. Aber es war NICHT SEINE Schuld, dass der Inkubator auf 45° eingestellt war. Das Gerät steht im Labor der Lehrerin, in dem sie 5 Tage in der Woche von 8 Uhr morgens bis mindestens 15 Uhr nachmittags ist, während das Kind sich dort 2 Mal 80 Minuten pro Woche aufhält. Sie hat eine Ausbildung als Biologin, während das Kind das erste Mal in seiner Laufbahn mit dem Thema Mikroorganismen konfrontiert war. Und sie hat – das haben wir mittlerweile überprüft – in allen ausgegebenen Unterlagen – kein einziges Mal erwähnt, dass die Temperatur für das Wachstum von Mikroben wichtig wäre oder dass die Schüler beim Starten Ihres Experimentes darauf achten sollten, dass die richtige Temperatur eingestellt ist.

Also haben wir beschlossen, dass unser Kind das Experiment NICHT wiederholen muss.

Dear Ms A,

we hope that you spent some nice holidays.

With regard to L’s lab report: As there is no lack of results, we would kindly ask you to grade the lap report itself containing the results gained by the preset  45deg breeding temperature. According to the rubric provided by you the lab report is to be graded  and not the experiment itself. Additionally a second, subsequent experiment at  a different, lower breeding temperature would be a completely new task resulting into a new and independent lab report, which will definitely not be just a revision of the present lap report.

Kind regards,
the father

Was geschah? Das Kind wurde am nächsten Tag von der Lehrerin aufgefordert, das Experiment zu machen, musste sagen, dass es das nicht darf und jetzt hängt der Haussegen mit der Schule sehr schief. Wir halten auf dem Laufenden…